LITERATUR
Jahrelang wurde der schwäbische Schriftsteller nicht beachtet, gilt aber mittlerweile als einer der bedeutendsten Erzähler der deutschen Gegenwartsliteratur.
"Ohne zu schreiben magst Du nicht mitmachen im Lebenstheater", sagt eine Figur in dem Roman "Ein Fremdling" von Hermann Lenz. Auch der Autor selbst wollte bis zuletzt nicht vom Schreiben lassen. Am Dienstag ist er im Alter von 85 Jahren in München gestorben. Das teilte der Suhrkamp-Verlag mit, der 1997 das Lenz' letztes Werk "Freunde" und ein von Erhard Eppler ediertes "Lesebuch" herausgab. Lenz wurde lange Jahre nicht beachtet und war vergleichsweise erfolglos, bis sich dann doch Anerkennung und Ruhm einstellten. Peter Handke machte 1973 auf sein umfangreiches Werk aufmerksam und verhalf ihm so zum Durchbruch. Unbeirrbar hatte Lenz geschrieben und zwischen 1936 und 1997 mehr als 30 Bücher veröffentlicht. "Ich bin eben ein schwäbischer Dickschädel", sagte Hermann Lenz zu seinem 85. Geburtstag am 26. Februar. Lenz war Träger des Georg-Büchner-Preises (1978), der angesehensten literarischen Auszeichnung in Deutschland, und wurde im Sommer vergangenen Jahres mit dem ersten Würth-Preis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Die Jury des Münchner Literaturpreises, der ihm 1995 zuerkannt wurde, befand: "Hermann Lenz ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart." Im Mittelpunkt seines Romanwerks steht die siebenteilige "Schwäbische Chronik" um die autobiographisch geprägte Hauptfigur Eugen Rapp. Eine "Volksausgabe des Schriftstellers Hermann Lenz" nannte der Autor seine literarische Zwillingsfigur. Charakteristisch für diesen Eugen Rapp und die meisten anderen seiner Figuren sind der Wille, Aufsehen und Heldentum zu vermeiden. Die Gestalten von Hermann Lenz wollen leben und leben lassen, sie schließen sich keiner Gruppe oder Partei an und dokumentieren eine zutiefst humanitäre Grundeinstellung. Auf den ersten Blick scheinen die Werke von Hermann Lenz ohne direkten Bezug zur Gegenwart. Die Faszination seiner Bücher liegt nach Meinung von Kritikern auch weniger im Inhaltlichen als in der sogartigen Wirkung seiner bildhaften Sprache. Peter Handke sagte über die Bücher des Autors, er empfinde bei der Lektüre "einfach nur Glück". Der gebürtige Stuttgarter Lenz begann seine Laufbahn nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Veröffentlichung des Erzählbandes "Das doppelte Gesicht". Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitete er von 1951 bis 1971 als Sekretär des baden-würtembergischen Schriftstellerverbandes in seiner Vaterstadt Stuttgart. Mehr als ein Dutzend Erzählungen und Romane entstanden in dieser Zeit, darunter "Nachmittag einer Dame" (1961), "Spiegelhütte" (1962), "Die Augen eines Dieners" (1964) und 1968 der Roman "Neue Zeit", den er erst 1975 veröffentlichte. Nicola de Paoli, dpa
[ Spiegel special | Service/Suchen | Yahoo! | Shop | Forum | E-Mail ] |